Das Career Center – Schnittstelle zwischen Universität und Beruf

Foto: MLU / Franziska Karnstedt

Tino Schlögl ist der Leiter des Career Centers der Uni Halle. Seine Aufgabe versteht er als strategische Beratung, dank der sich Studierende erfolgreich auf das Berufsleben vorbereiten und erfolgreich eine Stelle in (regionalen) Unternehmen finden können. Im Interview sprach iww-Redakteur Nico Elste mit Tino Schlögl über die Arbeit des Career Centers, Chancen des regionalen Arbeitsmarkts und Strategien, die beim Berufseinstieg helfen können.

Die Uni Halle hat über 20.000 Studierende, von denen jedes Jahr mehrere tausend als Absolventen die Uni verlassen und auf Jobsuche gehen – haben Sie viel zu tun?

Ja, durchaus. Das Interesse der Studierenden ist tatsächlich sehr groß. Wir bieten pro Semester 40 bis 45 Veranstaltungen an, die Hilfestellungen zur Berufsvorbereitung leisten sollen. Dabei geht es um Bewerbungsthemen, Vorstellungsgespräche, aber auch um Berufsorientierung und um Schlüsselqualifikationen, die für den Beruf später wichtig sind. In diesem Rahmen arbeiten wir natürlich auch viel mit Unternehmen zusammen, die beispielsweise Referenten oder Trainer für unsere Veranstaltungen stellen. Die Studierenden erhalten so nicht nur eine Unternehmenspräsentation, sondern können auch noch viel für die berufliche Zukunft lernen. Natürlich leisten wir auch viel persönliche Beratung – zurzeit kommen etwa 10 Studierende pro Woche zu persönlichen Beratungsgesprächen zu mir. Außerdem unterhalten wir die Jobplattform Top4Job (www.top4job.uni-halle.de) mit Praktikastellen, Nebenjobs oder Berufseinstiegsmöglichkeiten.

Wie läuft eine Betreuung vom Beginn des Studiums bis zum Einstieg ins Berufsleben idealerweise ab?

Unsere Idee ist, die Studierenden nicht erst am Ende ihres Studiums zu betreuen, sondern ihnen möglichst früh hilfreich zur Seite zu stehen. Wenn Studierende erst am Ende oder gar nach dem Abschluss ihres Studiums zu uns kommen, haben wir die Erfahrung gemacht, dass dann zum Teil wesentliche strategische Entscheidungen, die schon früher hätten gefällt werden können, nur recht schwierig nachzuholen sind. Das betrifft beispielsweise die eigene Abschlussarbeit. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, diese Abschlussarbeit in einem Unternehmen zu schreiben oder sich ein Thema zu suchen, welches mit dem späteren Beruf schon eng verknüpft ist. Natürlich sind wir hier in einer Universität – also einer Institution der Forschung und Lehre. Wer also ein wissenschaftliches Thema bearbeiten will, das abseits einer Arbeitsmarktverwertbarkeit liegt, soll das natürlich machen. Wer jedoch schon den Blick in die Zukunft wirft und meint, das könnte doch nützlich sein, mit dem sprechen wir gern vor der Abschlussarbeit über Themenwahl oder auch Unternehmen, in denen man vielleicht die eigene Arbeit schreiben könnte. Was wir machen, ist also zuvorderst eine strategische Planung, welche Möglichkeiten, Kontakte oder auch Perspektiven die Studierenden nutzen können, um erfolgreich in das Berufsleben einzusteigen.

Was muss man als Studierender beachten, will man nach dem Studium schnell in den gewünschten Beruf einsteigen?

Nun, ich bin der Meinung, dass wenigstens 50 Prozent des Arbeitsmarktes, die Zeit schrieb neulich 80 %, nicht über Stellenanzeigen funktionieren, sondern eher über Kontakte. Dabei handelt es sich nicht um so negativ konnotierte Vorstellungen wie „Vitamin B“ oder „Vetternwirtschaft“. Vielmehr geht es darum – und hier können wir eine Hilfe sein – detaillierte Eindrücke von Berufsfeldern und Branchen zu bekommen, einen Eindruck der eigenen Person jenseits einer Bewerbungssituation zu hinterlassen, Kontakte (ein Netzwerk) aufzubauen und letztlich praktische Erfahrungen zu sammeln und zu zeigen wie man selbst arbeitet. Jeder weiß, dass auf einem Bewerbungsbogen nur das Beste steht und ein kurzes Bewerbungsgespräch vermittelt auch eher einen oberflächlichen Eindruck von einem Menschen. Der Arbeitgeber jedoch, der schon einen Eindruck der Kompetenz, Zuverlässigkeit und des Engagements  einer Person jenseits eines Bewerbungsprozesses erlangt hat, hat einen viel authentischeren Eindruck. Jenseits eines Bewerbungsprozesses kann Ver- und Zutrauen einfacher aufgebaut werden. Also gerade diese Themen: Netzwerke, Kontakte knüpfen und Erfahrungen sammeln, sind meines Erachtens für alle Studierenden immens wichtig.

Auf was legen die Arbeitgeber Wert?

Wie gesagt, ist Arbeitgebern die Authentizität ihrer Bewerber wichtig und zudem die Frage, ob jemand für die zu besetzende Stelle brennt, ob das Interesse am Thema, der Firma und das entsprechende Engagement gegeben sind. Natürlich sind fachliche Kompetenzen dabei die Voraussetzung. Dabei muss man jedoch sagen, dass Studierende oftmals fast nur auf veröffentlichte Stellenanzeigen achten und diese dann hauptsächlich im Hinblick auf die geforderten formalen Qualifikationen, vor allem der geforderten Studienrichtung prüfen. Da ist die Wirklichkeit aber komplexer. Viele Absolventen arbeiten gar nicht in klassischen Berufen, die den Abschluss ihrer speziellen Studienrichtung zwingend voraussetzen. Es gibt Stellen, für die die akademischen Qualifikationen und Spezialkenntnisse sehr bedeutend sind, aber für viele Stellen sind praktische Fähigkeiten entscheidender.

Will man als Studierender in der Region bleiben – welche Chancen gibt es da?

Nach meiner Wahrnehmung haben sich die Chancen des Arbeitsmarkts in der letzten fünf bis zehn Jahren verbessert. Derzeit kann man durchaus von einer robusten Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften sprechen, nicht nur in den Bereichen, in denen speziell hochqualifizierte Arbeitskräfte wie in der Medizin, im Ingenieurswesen oder der Informatik gesucht werden. Gerade im Bereich der Ausbildungen erhalten wir vermehrt Anfragen von Unternehmen und Betrieben, ob wir nicht Studienabbrecher vermitteln können. Außerdem werden Unternehmen sich in Zukunft überlegen müssen, ob sie nicht, anstatt über zu wenig qualifizierte Facharbeiter zu jammern, auch mal einen gut ausgebildeten Hochschulabsolventen einstellen. Denn die Bildungslandschaft hat sich tatsächlich verschoben: jeder Zweite studiert heute. Zudem muss klar sein, dass wenn ich Arbeitskräfte mit Erfahrungen suche, ich auch bereit sein muss, Absolventen einzustellen, die praktische Erfahrungen sammeln können. Insgesamt studieren hier an der Uni in einigen Studiengängen aber auch mehr Menschen, als der Arbeitsmarkt der näheren Region an Hochschulabsolventen aufnehmen kann, aber nicht jeder Absolvent will auch unbedingt hier bleiben.

Welche Studienrichtungen sind einfach zu vermitteln und bei welchen gestaltet sich der Einstieg ins Berufsleben schwieriger?

Da gibt es tatsächlich große Unterschiede. Häufig muss man das aber detaillierter betrachten. Juristen beispielsweise werden in einer viel höheren Anzahl ausgebildet als der lokale Arbeitsmarkt aufnehmen kann. Wer aber z.B. zusätzlich ökonomisches Wissen erwirbt oder Praktika in Unternehmen absolviert, kann wiederum ein für die Privatwirtschaft interessantes Profil entwickeln. In den Wirtschaftswissenschaften werden händeringend gute Leute gesucht, die sich auf die eher mathematischen Teilbereiche spezialisieren wollen, während es in unserer Region wohl auf absehbare Zeit nicht ausreichend Stellen für all jene geben wird, die in das Marketing oder den Personalbereich wollen, auch weil dies Bereiche sind, für die sich auch viele Sozial- und Geisteswissenschaftler interessieren. Hier konkurrieren also viele Absolventen um wenige Stellen. Aber selbst hier gibt es Unterschiede. Wenn Sie in den Personalbereich einsteigen möchten, haben Sie keine schlechten Chancen im Vertrieb eines Personaldienstleisters. Aber nicht jedem liegt das. Berufserfahrene Personaler oder Marketingfachleute, die schon gute Ergebnisse vorweisen können, werden dann aber verstärkt gesucht. Der viel zitierte Ärztemangel ist sicher keine reine Erfindung aber, ob man hier in der Region eine Stelle als Assistenzarzt mit Facharztausbildung Dermatologie bekommt, die überproportional beliebt bei Medizinstudenten ist, ist auch nicht in Stein gemeißelt, während Interessenten für Innere Medizin oder Psychiatrie sich das Krankenhaus aussuchen können. Auch bei den Naturwissenschaftlern gibt es viele Unterschiede. Biologie z.B. ist traditionell beliebt bei Studienanfängern, aber die klassisch zoologische Verhaltensforschung bietet nur wenige Arbeitsplätze bundesweit. Es gibt Spezialisierungen, wie den Biostatistiker, die sehr gute Chancen haben, und Spezialisierungen, die häufiger gewählt als vom Arbeitsmarkt nachgefragt werden. Auch bestimmte sehr spezialisierte Profile, etwa von Promovenden, werden zwar vielleicht allgemein sehr stark nachgefragt, nur eben nicht überall. Wenn das einzige Unternehmen oder die einzige Forschungseinrichtung, die mit meinem sehr speziellen Profil etwas anfangen kann, nun mal in einer anderen Region sitzt, muss ich mich entscheiden, ob ich umziehen oder mich inhaltlich neu ausrichten möchte. Und letztlich stellen Arbeitgeber keine Studienrichtungen, sondern konkrete Personen ein. Die individuellen fachlichen sowie persönlichen Fähigkeit und die Leistungsmotivation haben einen mindestens so großen Einfluss auf die Arbeitsmarktchancen wie das gewählte Studienfach.  

Gab es auch schon Fälle, bei denen Sie als Berater nicht helfen konnten?

Ja, natürlich. Ich bin ja kein Zauberer. Was wir hier machen, ist Prozessberatung. Diejenigen, die in die Beratung kommen, bleiben ja weiterhin für Ihren eigenen Bewerbungsprozess verantwortlich und immer auch weiterhin die Experten ihres Fachs. Ob eine Stelle also dem speziellen Profil entspricht, können die Absolventen viel besser beurteilen als ich. Wir beraten vielmehr zur Entwicklung einer Strategie und können auch neue Perspektiven aufzeigen. Am Ende ist jedoch der Anspruch, jedem den Traumjob zu verschaffen, zu hoch angesetzt. Wir verbessern die Chancen; möchten dabei helfen, neue Nischen oder Herangehensweisen zu entdecken. Der Arbeitsmarkt ist bei weitem nicht so transparent, wie man denkt. Ich habe häufig das erlebt, was ich gerne das duale Jammern nenne, ein Unternehmen jammert, dass es keinen geeigneten Mitarbeiter findet und die Studierenden, dass Sie keine passende Stelle finden. Das Career Center kann der Katalysator sein. Wir wollen die Sichtweisen der beiden Seiten an die jeweils andere weitergeben und sie letztlich ins Gespräch miteinander bringen. Daher vermittle ich den Bewerbern gerne Methoden, wie sie mit potenziellen Arbeitgebern in Kontakt kommen, sich Netzwerke aufbauen können, andere Recherchewege nutzen können. Der intensive Kontakt zu beiden Seiten des Arbeitsmarktes, zu Studierenden und Absolventen auf der einen und Unternehmen auf der anderen Seite, ist das Besondere am Career Center. Was nützt den Studierenden ein Berater, der nicht mit Unternehmen spricht?  

Sie beraten auch sogenannte Studienzweifler, Studienabbrecher oder Studierende, die Probleme mit dem Abschluss haben – welche Möglichkeiten und Hilfestellungen gibt es für diese Gruppe?

Dieses Beratungsangebot ist aus einem Modellprojekt entstanden, das wir zusammen mit der Agentur für Arbeit Halle entwickelt haben und durchgeführt haben. Es geht vor allem darum, eine Erstberatung anzubieten. Wir wollten einen Anlaufpunkt schaffen, wo man sich informieren kann, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Wie kann ich mein Studium fortsetzen, welche Hilfsangebote gibt es dafür, welche Vorgehensweisen stehen offen? Ist vielleicht ein Studiengangswechsel oder auch Teilstudiengangswechsel eine Option? Passt vielleicht ein Fachhochschulstudium oder eine Ausbildung eher zu mir als ein Universitätsstudium? Diese Fragen sind jeweils speziell zu stellen, denn die Gründe für Zweifel am eigenen Studium sind wahnsinnig vielfältig. Dabei muss man auch sagen, dass die große Masse der „Abbrecher“ in der Orientierungsphase – in den ersten beiden Semestern – ihr Studium abbricht und dann meist einfach in ein anderes Fach wechselt. Dass es also eine riesige Anzahl an Studienabbrechern gäbe, die dann ohne Abschluss in das Berufsleben eintreten müssen, ist meines Erachtens weniger eine gute Beschreibung der Realität, als dass es eine gewisse Zahl junger Menschen gibt, die nach ihrer einstigen Studienwahl diese noch einmal überdenken und sich neu orientieren.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf?

Mein Job ist absolut abwechslungsreich – jeden Tag kommen neue Tätigkeiten, Projekte und Kooperationspartner hinzu. Außerdem hat man im universitären Arbeiten eine nicht zu verachtende Freiheit, zieladäquat und flexibel zu agieren und Dinge so zu tun, wie es der Erreichung des Zieles dienlich ist. Es hat sich z.B. noch nie ein Vorgesetzter bei mir beschwert, dass ich mir zu viel Zeit für Beratungsgespräche genommen hätte. Ich kann das vollkommen eigenständig je nach Notwendigkeit des individuellen Falles entscheiden. Dafür bin ich auch gerne bereit, abends länger zu arbeiten, weil ich dann weiß, dass ich das dafür tue, meine Arbeit in guter Qualität erledigen zu können. Und natürlich helfe ich den Studierenden gern – wenn ich Reaktionen der Studierenden erhalte, dass die Beratungen und unsere anderen Angebote geholfen haben, ist das wie ein zweiter Lohnzettel. (lacht)

Herr Schlögl, vielen Dank für das Gespräch!

Career Center der Uni Halle

Career Center

Das Career Center hilft beim Übergang von der Universität und dem Berufsleben. Wir beraten Studierende und Absolvente*innen persönlich zu Fragen rund den Arbeitsmarkt.

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