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Auf den Spuren Kants – Philosophen zu Besuch in Kaliningrad

Wer Philosophie studiert, kommt an Immanuel Kant nicht vorbei. Und stößt dabei irgendwann auch auf Kaliningrad, das frühere Königsberg, wo Kant forschte, lehrte und lebte. Am 22. April 2009 jährte sich zum 285. Mal der Geburtstag des großen Philosophen. Das haben wir zum Anlass genommen, im Rahmen der Recherchearbeit für das Kant-Lexikon vom 20. bis 24. April nach Kaliningrad zu fahren. Das Kant-Lexikon ist ein Nachschlagewerk zu Kantischer Terminologie und zu Personen aus dem Leben Kants. Und wir, das sind vier hallesche Philosophiestudenten und -doktoranden, Bianca Pick, Christiane Straub, Sebastian Wengler und Tobias Audersch, sowie Prof. Dr. Jürgen Stolzenberg.

Finanzielle Unterstützung durch die Uni Halle

Möglich wurde diese Reise, weil uns die Uni Halle finanziell unterstützt hat. Kolleginnen und Kollegen der Immanuel-Kant-Universität haben das Programm für unseren Aufenthalt erstellt und die Unterkunft im Wohnheim der Universität organisiert. Von ihnen sowie von der russischen Gesellschaft der Freunde Kants und vor allem von Andrej Silber, Wadim Kurpakow und Aleksej Salikow haben wir viel über die herzliche und großzügige russische Gastfreundschaft lernen können. Allein dafür hätte sich die Fahrt gelohnt.

Kant - Omnipräsent in Kaliningrad

Aber in erster Linie ging es natürlich um Immanuel Kant. Er ist in Kaliningrad allgegenwärtig. Die Universität trägt seinen Namen, vor ihrem Hauptgebäude steht das Kant-Denkmal, Kant selbst liegt auf der Kant-Insel begraben, hier steht auch der Dom der Stadt, der unter anderem ein Kant-Museum beherbergt. Und irgendwie ist es nur logisch, dass parallel zu unserer akademischen Kant-Tagung auch die russische Gesellschaft der Freunde Kants in Kaliningrad tagte. So viel Wissen über Kant war wahrscheinlich noch nie zuvor in einer Stadt vereinigt.

Alte Bauten zeugen von glanzvoller Vergangenheit

Kaliningrad war, wie man auf alten Fotographien sehen kann, vor seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg eine schöne, ja prächtige Stadt. Die nach dem Krieg neu aufgebauten Gebäude bestechen eher durch ihre Zweckmäßigkeit, doch einige alte Bauten sind erhalten geblieben oder wurden im alten Stil wieder errichtet, darunter auch der Dom auf der Kant-Insel. Er verdankt seine „postsowjetische Existenz“ zumindest indirekt dem großen Sohn der Stadt: Kants Grabmal, das dem Dom angegliedert ist, ließ die sowjetische Stadtregierung von der Demontage oder Sprengung der Nachkriegsruine Abstand nehmen.

Zu Besuch bei den Freunden Kants

Zum Glück gehören auch ein bisschen Sightseeing samt Informationen zu Königsberg zu unserem dichtgedrängten Programm, vor allem aber sind wir zum Arbeiten hier. Richtig los geht es am Dienstag. Nach notwendigen Behördengängen und einem Besuch des Bernsteinmuseums sind wir im Deutsch-russischen Haus zu Gast bei der Gesellschaft der Freunde Kants. Die Freunde Kants treffen sich jeden Monat, und einmal im Jahr wird das Treffen etwas ausführlicher – wie just zu der Zeit, in der wir in Kaliningrad weilen. Dabei geht es nicht rein akademisch zu. Die Vorträge bewegen sich von der Philosophie über die Editionsgeschichte bis zur Biographie Kants und werden jeweils in Fünfsatzblöcken ins Deutsche übersetzt. Ergänzt werden die Vorträge durch den Auftritt eines jungen Kaliningrader Dichters, der drei Poeme über das alte Königsberg zum Besten gibt, durch ein Konzert von Studenten der Rachmaninoff-Musikhochschule sowie durch ein heiteres Abendessen, bei dem wir nicht nur die Chance haben, Freunde Kants, lokale Künstler und die russische Gastfreundschaft kennen zu lernen, sondern auch einige in Kaliningrad studierende deutschsprachige Kommilitonen – spasiba und nazdarovje!

Gaudeamus igitur - und "Das Recht der Lüge bei Kant"

Der Mittwoch ist voller Feierlichkeiten. Morgens im Dom versammeln sich Interessierte aus der akademischen Welt. Die Kant-Tagung beginnt mit einem – fulminant von der Orgel begleiteten – Gaudeamus igitur und ersten, über Kopfhörer simultan übersetzten Vorträgen. Einen davon hält Prof. Stolzenberg, der über „Das Recht der Lüge bei Kant“ spricht. Anschließend findet, begleitet von ausführlichen Laudationes, die Kranzniederlegung am Grabe Kants statt. Wir besuchen das Kant-Museum im Dom und werden danach von Wadim Kurpakow, einem Kaliningrader Verlagsleiter und Kant-Forscher, durch die Geschichte Königsbergs vom Mittelalter bis in die Gegenwart geführt.

Den Abend verbringen wir abermals bei den Freunden Kants, denn das traditionelle Bohnenmahl – ein Symposion zu Ehren Kants – steht auf dem Programm. Der Glückliche, der eine versteckte Bohne in seinem Nachtisch findet, wird zum Bohnenkönig gekürt und hat die ruhmvolle Aufgabe, im Jahr darauf eine Tischrede zu halten.

Donnerstag: Wissenschaft und Weltkriegsmuseum

Donnerstag wird der akademischste Tag unseres Aufenthalts. Wir besuchen bis in den frühen Nachmittag hinein Vorträge der Kant-Tagung und können danach u.a. über die kontroverse Kant-Interpretation von Dr. Michael Staedtler (Münster) oder über die von Carola Häntsch (Greifswald) hergestellten Bezüge der postmodernen Philosophie zur Transzendentalphilosophie Kants diskutieren. Eine letzte Stippvisite durch die Stadt beenden wir mit dem Besuch des städtischen Museums zum Zweiten Weltkrieg, das in dem Bunker zu finden ist, in dem 1945 die deutsche Kapitulation nach Einmarsch der sowjetischen Truppen in Königsberg unterschrieben wurde.

Uni-Bibliothek Kaliningrad: Große Vergangenheit - schwierige Gegenwart

Am Freitagvormittag, bekommen wir noch die Chance, uns die wenigen Reste der Kaliningrader Universitätsbibliothek anzusehen. Wir blättern in zweihundert Jahre alten Schriften und werden von Wadim Kurpakow und Werner Stark (Universität Marburg) über die Geschichte der Bibliothek aufgeklärt. Die beiden bemühen sich seit einiger Zeit sehr um den Bücherbestand der Bibliothek, stoßen aber zunehmend an administrative und finanzielle Grenzen. Ein großer Teil der wertvollen Bücher wurde während des Zweiten Weltkriegs zerstört, einiges wurde gerettet und in ganz Russland, besonders in Moskau und Umgebung, verteilt, wo es – teilweise noch auf die Katalogisierung wartend – auch heute noch liegt.

Und dann heißt es Abschiednehmen. Doswidanje, Rossija! Kant ist lebendig in Kaliningrad, vor allem durch das Gedenken und die Bemühungen der Menschen. Wir waren gerne da und bringen viele schöne Erinnerungen sowie nachdenklich stimmende Einsichten mit.

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