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Der Thomanerchor Leipzig hat einen Neuen

Ein Kommentar

Nach einem Jahr des aufwendigen Findungsprozesses hat der Thomanerchor Leipzig wahrscheinlich einen 17. Nachfolger für das Amt nach Johann Sebastian Bach. Die Verkündung des vermutlich Neuen (der Stadtrat muss noch dem Vorschlag der Findungskommission zustimmen) war zugleich jedoch eine große Überraschung, denn nicht einer der Bewerber, der engeren Auswahl von über 40 Dirigenten, hat es geschafft, sondern einer, der schon seit vielen Jahren zum Personal gehört: Gotthold Schwarz. Er ist Stimmbildner, war Vertretungs- und seit 2015 Interimschorleiter.

Als Beobachter aus der Nachbarstadt kann man über das Ende des Findungsprozesses einiges Unverständnis äußern. Über 40 Bewerbungen waren beim berühmten Knabenchor aus Leipzig eingegangen, davon waren 4 zu Probewochen eingeladen worden und von diesen noch einmal zwei Musiker in die noch engere Wahl gekommen, Markus Teutschbein und Clemens Flämig, aktueller Chorleiter des Stadtsingechores zu Halle, der in diesem Jahr sein 900 jähriges feiert. Gotthold Schwarz tauchte in diesem Bewerbungsprozedere nicht auf, daher ist seine Benennung als Wunschnachfolger so überraschend und gleichzeitig doch auch nicht. Schleißlich kennt er den Chor und seine Sänger wie seine Westentasche. Mich überrascht es daher auch nicht, dass die aktuellen Sänger des Thomanerchores bei der Verkündung applaudiert haben sollen.

Aus diesen Umständen stellt sich aber die Frage: Warum führt man so ein aufwendiges Bewerbungsverfahren durch, um letztlich doch zur logischten Lösung zu gelangen? Hätte man sich nicht den gesamten Aufwand ersparen können? Außerdem muss man sich einmal in die Lage der Bewerber versetzen, vor allem in die der letzten beiden Kandidaten. Zweimal waren Sie in Leipzig um eine sehr renomierte Stelle anzutreten und nun schauen sie sprichwörtlich in die Röhre.

Meiner Meinung nach haben sich die Stadt Leipzig und die Institution Thomanerchor (keinesfalls die Sänger) nicht gerade klug verhalten, vor allem vor dem Hintergrund, das Gotthold Schwarz auch schon 64 Jahre alt ist. Entsprechend wird es, in nicht allzu ferner Zeit, wieder eine Ausschreibung geben müssen. Auch muss man sich die Situation bei den aktuellen Chören der Bewerber vorstellen. Ein bisschen ist das wie bei Fußballvereinen. Ein höher dotierter Verein fragt an und der "Chef" will von Board gehen. In heutiger Zeit ist das auf jeden Fall nachvollziehbar, jedoch schafft das natürlich im Inneren und im äußeren Umfeld Unruhe. Gerade auch durch die Presse, zumindest ist dies in Halle so gewesen. In Zeiten des "Sensationsjournalismus" überlagert das "brisante Thema" andere, durchaus wichtigere Dinge. So hat die hiesige MZ brandaktuell über das Bewerbungsverfahren in Leipzig berichtet, gerade wegen Clemens Flämig, jedoch kaum über Konzerte des Stadtsingechores. Im Jubiläumsjahr des Chores ist das eine als ärgerlich zu bezeichnende Sache. Auch die Medienarbeit der Stadt Leipzig für den Thomanerchor hat verwundert, denn man wusste jederzeit über den aktuellen Stand bereit. Ich finde, die Öffentlichkeit muss nicht über jedes Details genau in Kenntnis gesetzt werden, es reicht vollkommen die Verkündung des Ergebnisses. Dadurch bliebe bei den Chören, die ihren Leiter vielleicht verlieren, eine gewisse Ruhe erhalten.

Zusammenfassend muss man sagen, dass der Thomanerchor bei seiner Findung eines neuen Thomaskantors sich in meinen Augen nicht mit Ruhm bekleckert hat. Egoismus und Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Chören lässt sich feststellen, auch wenn sich dies die Thomaner durch ihren Ruf, ihre Leistungen und Stellung erlauben können, muss man nicht so agieren. Bei einigen Findungsprozessen anderer Chöre wurden die Bewerber auch anonym gehalten, so wirbelt man nicht bei anderen Staub auf, letztlich für nichts und wieder nichts.

Trotz dieser harsch aussehenden Kritik wünsche ich dem Thomanerchor und seinem Leiter, der fachlich über jeden Zweifel erhaben ist, viel Erfolg. Angeblich ist bis 2020 eine gewisse Planungssicherheit erreicht.

 

Weiterführende Artikel zum Thema aus Sicht des MDR, der Neuen Musikzeitung, der Mitteldeutschen Zeitung und der Leipziger Volkszeitung

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