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„Auf den Spuren Franckes, Schleiermachers und natürlich Händels“

Charlotte Wagner

Im Gespräch mit dem Dekan der Theologischen Fakultät

Ich habe den Dekan (Leiter) der Theologischen Fakultät, Prof. Dr. Daniel Cyranka, zum Gespräch über sich, die DDR, Ostdeutschland und seinen Berufsalltag getroffen.

Im Studienalltag wird man als Studienanfänger*In immer wieder mit neuen Begriffen und Namen konfrontiert - so auch mit dem Begriff "Dekan". Der Dekan leitet eine Fakultät, in unserem Fall die Theologische Fakultät in Halle. Ich habe mich mit unserem aktuellen Dekan, Prof. Dr. Daniel Cyranka, getroffen. Lest hier mehr!

Herr Cyranka, könnten Sie sich bitte vorstellen, so dass Studieninteressierte einen Einblick zu Ihrer Person bekommen?

Hr. Cyranka: Mein Name ist Daniel Cyranka, ich komme ursprünglich aus Mecklenburg. Mein Vater war dort Pastor. Meine Jugend und Zeit als junger Erwachsener habe ich also in der DDR erlebt - das war eine wichtige, aber auch intensive und nicht immer einfache Zeit und prägt meine Arbeit, sicherlich aber auch meine Art, Dinge zu sehen und zu werten.

Viele Menschen, auch Leute, die mir sehr nahestanden, sind nach Westdeutschland gegangen, während ich mich im politischen Engagement wiedergefunden habe, was mich sehr aufgefangen und dazu beigetragen hat, dass ich geblieben bin.

Zu meinem politischen Engagement in einer Gruppe, die ich an der Leopoldina in Halle kennen gelernt hatte, gehörte das Veröffentlichen einer Zeitung, die „nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch“ veröffentlicht wurde. Das war die einzige Möglichkeit, trotz staatlicher Sanktionen eine eigene Öffentlichkeit herzustellen. Im Herbst und Winter 1989/90 hatten wir eine der ersten unabhängigen Zeitungen zu verteilen.

Ich habe Theologie und später einige andere Fächer studiert, unter anderem in Halle und mit der einen oder anderen Unterbrechung. Die Umwege und Schwierigkeiten, die mir auf diesem Weg begegnet sind, waren Herausforderungen. In welche Richtung sollte es für mich gehen, im Leben, im Glauben oder auch beruflich. Ein Satz, der mir dabei immer wieder in den Sinn kommt, ist von dem Schweizer Theologen Karl Barth und lautet ungefähr: „Warum stehen wir immer an der Schwelle zu einem Leben, das niemals anfangen will?“ Ich sehe das als Aufforderung, das, was gerade passiert, wahr- und anzunehmen.

Mit meiner Frau habe ich zusammen drei Kinder. Ich erlebe den Wandel, den das Leben bringt, als Normalität - das bezieht sich auf private Prozesse, aber auch die Zusammenarbeit an der Universität mit Studierenden, Kolleginnen und Kollegen. Ich treffe dort immer wieder auf Leute, die sich mit ganz wesentlichen Dingen auseinandersetzen. Und ich darf dabei eine Rolle spielen. Da gibt es viel zu entdecken.

Würden Sie sagen, dass Sie die Zeit, die Sie in der DDR erlebt haben, heute noch trägt und prägt? Eine systemkritische Haltung einzunehmen, ist sehr schwierig. Prägt Sie diese Erfahrung auch in Ihrer Arbeit?

Hr. Cyranka: Ohne Zweifel. Ich habe nach 1990 eine Zeit lang in Tübingen studiert. Dort wurde ein Seminar angeboten, in dem es um die Konfessionsgeschichte der Nachkriegszeit ging. Die Themen, die dort behandelt wurden, waren praktisch Beispiele und Auszüge aus meinem persönlichen Leben. Dieser Bruch änderte meinen Blickwinkel und prägt meine Arbeit auch heute.

Als Pastorensohn kam ich oft in eine Außenseiterrolle, was auf der einen Seite stärken, auf der anderen aber auch schwächen kann. Dingen, die den meisten mit viel Druck übergeholfen wurden, etwa in die FDJ einzutreten oder Jugendweihe statt Konfirmation, aber auch der aktiven paramilitärischen Ausbildung in der Schule, dem sogenannten Wehrlager, habe ich mich verweigert. Wie für viele andere war die staatliche Bildungskarriere damit am Ende. Hier regierte politische Willkür. Die eine durfte zu Abitur und Studium antreten, der andere nicht. Das prägt.

Die Zeit nach 1990 prägt aber genauso. Das Umbrechen und Verschieben von Normalitäten beeinflusst meine Biografie, aber auch die dieses Landes und der Arbeit, die ich tue: Die Debatte über den so genannten „Ostdeutschen“ finde ich zum Beispiel sehr wichtig. Bestimmte Begriffe sind auf eine bestimmte Weise konnotiert - das sollten wir besprechen.

Es ist auch eine Selbstbezeichnung, „Ossi“ oder „Wessi“ zu sein.

Hr. Cyranka: Es ist für mich eine Gegenstandsbeschreibung. Darum geht es immer wieder - es ist eine Abgrenzung, die ich eigentlich nicht mag. Das Reden darüber deckt dann auf, was eigentlich gemeint ist, wenn diese Begriffe fallen.

Es gibt einen interessanten Satz aus dem Buch "Der Ossi. Mikropolitische Studien über einen symbolischen Ausländer", der lautet: „Ein Ossi ist man überall, egal wo man sich befindet. Ein Wessi ist man nur, wenn man sich mutig in den Osten vorgewagt hat.“ Verhaltensweisen werden dann gewissermaßen systemisch erklärt. Dabei muss man aber die individuellen Biografien beachten. Das ist ein großer Unterschied. Daher ist „der Osten“ auch eine Erfindung oder besser gesagt eine diskursive Entwicklung der letzten Jahre.

Wie würden Sie die Betrachtung der persönlichen Kontexte angehen?

Hr. Cyranka:Ein Beispiel: Was ist „typisch ostdeutsch“? Religion oder Nicht-Religion? Wenn Sie vom diskursiven Klischee aus versuchen, eine Kirche zu bauen, wird das nicht funktionieren. Entweder man ist nicht genug Kirche oder man nicht wirklich „ostdeutsch“, denn das Attribut „nicht-religiös“ wird als Selbststilisierung wie als Fremdzuschreibung des sogenannten Ostens ständig erzeugt und verfestigt.

Wir müssen also die Bilder, die durch diese Sprache entstehen, sichtbar machen und zeigen, wie sie sich entwickeln. Das ist auch eine theologische Aufgabe und für mich sehr spannend. Das Thema bleibt.

An unserer Fakultät hier ist es den einzelnen Lehrenden und Forschenden sehr wichtig, so genannte kontextuelle Theologie zu betreiben – also die Geschichte der Menschen und ihre aktuelle Situation gemeinsam zu betrachten.

Im letzten Jahr wurden von uns die „Halle Lectures“ ins Leben gerufen. Es geht um „Globales Denken in der Diskussion“. Zur ersten Lecture mit Dipesh Chakrabarty ging es mir auch um Halle. „Halle Lectures“ meint: Dies ist ein konkreter Ort. Halle ist nicht groß und nicht klein, es versteckt sich nicht, aber er ist vor allem konkret und so mit der konkreten Welt verbunden. So stelle ich mir Theologie vor. Wir müssen wissen, an welchem Ort wir aktuell innerhalb der weltweiten Ökumene stehen und uns selbst im Verhältnis zu anderen Orten sehen.

Wenn wir das auch auf unsere Kirchen in Mitteldeutschland, Sachsen, Brandenburg etc. anwenden, dann sehen wir, dass Migration auch hier eine große Rolle gespielt hat und es immer noch tut: Die Abwanderung von Millionen Menschen in den vergangenen Jahrzehnten und ein reativ bescheidener Zuzug von Westdeutschen und Ausländern.

Wie äußert sich dieser Kontext im innerdeutschen Rahmen?

Hr. Cyranka: Sehen Sie sich Gremien oder Universitäten an, oder auch die Politik. Die Menschen, die die Vorstände ausmachen, stammen zum allergrößten Teil aus dem Westen der Republik. Was bedeutet das und was trägt das für die konkrete Situatuion aus? Das Schöne ist: Hier an der Fakultät ist das anders. Wir können gemeinsam in gemischten Gruppen arbeiten. Als Kollegium der Professorinnen und Professoren aber auch innerhalb der Mitarbeitenden und der Studierendenschaft. Das ist eine interessante Aufgabe.

Unsere Fakultät könnte sich also zum einen als Außenseiter im Vergleich zu anderen Fakultäten sehen, zum anderen aber auch als Vorreiter.

Hr. Cyranka: Das ist sicherlich beides richtig. Wir müssen aber vor allem mit dem umgehen, was hier vorliegt. Trotzdem erleben wir hier migrierte Menschen aus anderen Teilen der Republik.

Da kommt es schonmal vor, dass man „dreiviertel“ und „viertel“ nicht versteht, wenn man über eine Uhrzeit redet, zu der man sich treffen möchte. Das muss dann erstmal erklärt werden. Und dann noch einmal. Das klingt nämlich „ostdeutsch“, auch wenn es diesen Dialekt nicht gibt und z.B. in Franken diese Zeitangaben ebenso üblich sind. Shared History und Storytelling nennen wir das. Wenn wir vor diesem Hintergrund wissenschaftlich arbeiten wollen, muss gelten: „Es ist noch keine Methode gefunden, den Wissenschaftler aus seinem Umfeld heraus zu halten.“ (Edward Said) Wir müssen unsere Situation ansehen und mit ihr umgehen.

Wenn wir über unsere Theologische Fakultät reden: Mit welchen 3 Adjektiven würden Sie sie mit ihrem Alltag beschreiben?

Hr. Cyranka: Nah, intensiv und nicht sehr zwanghaft. Es gibt zum Beispiel keine strenge Anwesenheitspflicht in Vorlesungen. Ich arbeite in der Regel mit 50-100 Leuten im Hörsaal. Das bedeutet, dass auch mal alle Stühle besetzt sind. Trotzdem gilt: Mit allen kann man reden und kommunizieren, es gibt direkten Kontakt zueinander. Jeder und jede kann dazu kommen, mitstudieren und sich einbringen. Zwingen kann man sich nur selbst, schließlich wird man nicht studiert, sondern man tut das selbst, man studiert. Oder eben auch nicht.

Abschließend noch eine Frage zu Ihrem Fachbereich, der Religionswissenschaft. Was hat Sie dahin geführt, diese Disziplin vertieft zu studieren und was reizt Sie an ihr?

Hr. Cyranka: Ich habe mal ein Seminar zum Thema Reinkarnationsvorstellungen belegt.

Das Thema schien fast durchgängig in der allgemeinen Religionsgeschichte auffindbar zu sein. Auch wenn ich diese Auffassung heute nicht teile, finde ich diese Art und Weise zu forschen einfach faszinierend. Es macht mir große Freude zu entdecken, wie Themen, Debatten und Vorstellungen generiert werden, wie sie entstehen oder auch verschwinden. Es geht immer um Kommunikation. Auch um meine. Ich beschäftige mich also mit Dingen, die mich angehen.

Außerdem stehe ich im Austausch mit Menschen, die auch mal eine andere Meinung haben als ich. Zudem ist die Religionswissenschaft an theologischen Fakultäten eigentlich ein eher junges Fach, in Halle allerdings schon seit langem als Religionswissenschaft und interkulturelle Theologie fest etabliert. Auch dafür gilt: Halle ist ein sehr guter Ort!

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

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