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Von Händels Halleluja bis Hoffmanns Tropfen
Auch wenn Halle nicht besonders groß ist, so hat die Stadt im Laufe ihrer 1200-jährigen Geschichte erstaunlich viele große Namen beherbergt oder hervorgebracht. Hier wurde die Mengenlehre begründet, hier promovierte die erste Frau Deutschlands, hier wurden die Hoffmannstropfen erfunden. Lyonel Feininger lebte in Halle, Hans-Dietrich Genscher wurde hier geboren. Und natürlich der größte Sohn der Stadt, Georg Friedrich Händel, einer der einflussreichsten Komponisten des Barocks.
Wir stellen hier einmal die bekanntesten Hallenser in alphabetischer Reihenfolge vor:
* 03.03.1845 (St. Petersburg), † 06.01.1918 (Halle)
Der Mathematiker Georg Cantor begründete im 19. Jahrhundert an der Uni Halle die Mengenlehre, die er anfangs noch Mannigfaltigkeitslehre nannte und die die gesamte Mathematik nachhaltig beeinflusste. Auf ihr bauen zahlreiche mathematische Disziplinen wie Algebra, Analysis, Maßtheorie und Stochastik auf. Mit großer Wahrscheinlichkeit habt ihr im Unterricht auch schon mal von Cantors Definition der Menge gehört:
Unter einer „Menge“ verstehen wir jede Zusammenfassung M von bestimmten wohlunterschiedenen Objekten m unserer Anschauung oder unseres Denkens (welche die „Elemente“ von M genannt werden) zu einem Ganzen.
Cantor wurde in St. Petersburg, der damaligen russischen Hauptstadt, geboren. Als er elf Jahre alt war, siedelte die Familie nach Deutschland über. Nach seinem Studium in Zürich und Göttingen promovierte er in Berlin. Danach lehrte er bis zu seinem Lebensende in Halle, zunächst als Privatdozent, dann als Extraordinarius und bis zu seiner Emeritierung als ordentlicher Professor. Der Mathematiker zeigte stets großes Interesse an Fragen außerhalb seines Fachgebietes, besonders an Philosophie und Theologie, die für ihn in engem Bezug zu den mengentheoretischen Problemen der Unendlichkeit standen.
* 03.08.1950 (Neugattersleben, Sachsen-Anhalt)
Waldemar Cierpinski gelang es als einzigem Athleten neben Abebe Bikila, zweimal eine Goldmedaille bei Olympischen Spielen im Marathonlauf zu gewinnen. Die erste gewann er 1976 in Montreal, wo er seine persönliche Bestzeit von 2:09:55 Stunden erreichte und der fünftschnellste deutsche Marathonläufer aller Zeiten wurde. Die zweite Goldmedaille holte er 1980 in Moskau.
Seit den 1990er-Jahren wohnt Cierpinski in Halle und ist Inhaber eines Sportartikelladens mit einer Filiale in Quedlinburg. Als Mitglied des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland engagierte er sich für die Olympiabewerbung von Leipzig 2012. Außerdem ist er Mitorganisator des Mitteldeutschen Marathons zwischen Spergau und Halle.
* 10.3.1788 (Schloß Lubowitz bei Ratibor), † 26.11.1857 (Neiße)
Eichendorffs Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ ist bei vielen Schülern Pflichtlektüre. Der bedeutendste Dichter und Schriftsteller der deutschen Romantik kommt ursprünglich aus Oberschlesien und schrieb sich am 2. Mai 1805 mit seinem Bruder an der Juristischen Fakultät in Halle ein. Ihr Studium führte sie zwei Jahre später nach Heidelberg und dann nach Wien.
Neue Forschungen zeigen immer deutlicher, dass gerade Halle stark an der Ausbildung der Romantik beteiligt war. Man weiß jetzt nicht nur, dass das Giebichensteiner Dichterparadies die Herberge der Romantik war, sondern auch, dass den landschaftlichen Eigenarten des Saaletales um Giebichenstein ein großer Teil der frühesten und auch der besten romantischen Dichtungen entsprungen ist. Eichendorff schrieb mit 52 Jahren das Gedicht Bei Halle, dessen erste Strophen die Landschaft sehr schön beschreiben:
Da steht eine Burg überm Tale
Und schaut in den Strom hinein,
Das ist die fröhliche Saale
Das ist der Giebichenstein.
Da hab ich so oft gestanden,
Es blühten Täler und Höhn,
Und seitdem in allen Landen
Sah ich nimmer die Welt so schön!
Die Eichendorffbank auf den Klausbergen in Halle, einem beliebten Ausflugsort im Saaletal, erinnert an den Dichter.
* 13.11.1715 (Quedlinburg), † 13.06.1762 (Quedlinburg)
Dorothea Erxleben war die erste und für längere Zeit auch die einzige Frau Deutschlands, die den Doktortitel erwarb. Von ihrem Vater, einem Arzt, war sie privat in theoretischer und praktischer Medizin unterrichtet worden. Da Frauen zu solchen akademischen Qualifikationen bis dahin keinen Zugang hatten, muss sie ihre erst beim preußischen König erwirken. Im Januar 1754 reichte sie ihre Dissertation mit dem Titel „Academische Abhandlung von der gar zu geschwinden und angenehmen, aber deswegen öfters unsicheren Heilung der Krankheiten“ ein. Am 6. Mai desselben Jahres trat sie in Halle zum Promotionsexamen an, das sie mit großem Erfolg ablegte. Heute erinnert eine Büste im Universitätsklinikum an sie.
* 17.07.1871 (New York), † 13.01. 1956 (New York)
Der in New York geborene Maler und Grafiker hat zwar nur drei Jahre in Halle gelebt (von 1929 bis 1931), war aber für die Stadt dennoch sehr wichtig. Denn in dieser Zeit entstanden unter anderem elf Gemälde, in denen Feininger vor allem die dominierenden Bauwerke der Stadt (Marktkirche, Roter Turm und Dom) expressionistisch und aus verschiedenen Blickwinkeln in Szene setzte. Feininger war von 1919 bis 1933 Lehrer am Bauhaus in Weimar und Dessau. Er schuf vor allem Architektur- und Landschaftsbilder in einem dem Kubismus verwandten, flächig-transparenten Stil mit dominierenden Grau- und Blautönen. Zuvor war er lange als kommerzieller Karikaturist für diverse deutsche, französische und US-amerikanische Zeitungen und Zeitschriften tätig. Die elf großformatigen Gemälde, begleitet von Zeichnungen, Skizzen und Fotografien der Saalestadt kannst du dir in der Moritzburg in Halle anschauen.
* 28.06.1815 (Halle), † 24.10.1892 (Halle)
Robert Franz war Musikdirektor der Uni Halle und hat sich mit seinen Bearbeitungen Händelscher Oratorien ähnlich wie Mozart und Mendelssohn-Bartholdy weltweit große Verdienste erworben. Der populäre Komponist und Dirigent schrieb außerdem zahlreiche Bearbeitungen von Johann Sebastian Bachs Kompositionen, Chorlieder und über 350 Kunstlieder. Von 1835 bis 1837 studierte er in Dessau Komposition und kehrte danach in seine Heimatstadt zurück. Im Jahr 1841 war Franz Organist an der Ulrichkirche in Halle und danach bis 1867 Leiter der Halleschen Singakademie. Sie hatte unter seiner Leitung ihre Blütezeit und wurde in ganz Deutschland bekannt. Seit 1907 trägt die Akademie seinen Namen.
*21.03.1927 in Halle
Hans-Dietrich Genscher war einer der beliebtesten Außenpolitiker Deutschlands und einer der wichtigsten Politiker der deutschen Wiedervereinigung. Genscher wurde in Halle geboren. Er studierte hier und in Leipzig Jura sowie Volkswirtschaft. Anschließend war er Referendar im Oberlandesgerichtsbezirk Halle. 1952 ging er über West-Berlin in die BRD und wurde Mitglied der FDP. An ihrer Spitze stand er gut 11 Jahre – das hatte vor ihm kein Liberaler geschafft und machte ihm später niemand nach. Genscher war außerdem 23 Jahre lang Bundesminister und prägte fast zwei Jahrzehnte die Außenpolitik Deutschlands. Doch in seine Amtszeit fiel nicht nur die Wiedervereinigung, sondern auch die Geiselnahme israelischer Sportler 1972 während der Olympischen Spiele in München. Genscher stellte sich als Austauschgeisel zur Verfügung, was von den palästinensischen Geiselnehmern abgelehnt wurde. Nach dem blutigen Ende wies Genscher den Bundesgrenzschutz an, die Anti-Terror-Einheit GSG 9 aufzustellen. Hans-Dietrich Genscher ist Ehrensenator der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
* 23.02.1685 (Halle), †14.04.1759 (London)
Wenn du in Halle auf dem Marktplatz stehst, kannst du die Statue von Händel nicht übersehen. Der deutsch-englische Komponist in der Epoche des Barocks gilt als einer der einflussreichsten Musiker überhaupt. Seine Werke gehören seit mehr als 250 Jahren ununterbrochen zum Aufführungsrepertoire der großen Opernhäuser und Konzertsäle, länger als die jedes anderen Komponisten. Sein Hauptwerk umfasst 46 Opern und 25 Oratorien – darunter den „Messias“, der im 19. Jahrhundert zum Standardwerk der aufblühenden Chorvereine wurde. Das „Halleluja“ gehört zu den meistaufgeführten Stücken der Musikliteratur. Bei den jährlich stattfindenden Händel-Festspielen in Halle wird sein Gesamtwerk nach neuesten wissenschaftlichen und künstlerischen Erkenntnissen ausgeführt. Neben Händel-Liebhabern und Touristen sind es vor allem auch die Musikwissenschaftler, die es zu den Festspielen zieht.
* 19.02.1660 (Halle), †12.11.1742 (Halle)
Sicherlich hast du schon einmal von den Hoffmannstropfen gehört. Ihr Erfinder war gebürtiger Hallenser und hat hier die Medizinische Fakultät gegründet. Hoffmann hielt Vorlesungen über Anatomie, Chirurgie, Therapie, Physik sowie Chemie und erwies sich als sehr erfolgreicher akademischer Lehrer, der zahlreiche Studenten nach Halle zog. Unter seiner Leitung wurde die Medizinische Fakultät an der Wende zum 18. Jahrhundert zur führenden deutschen Ausbildungsstätte für akademische Ärzte. Hoffmann war 48 Mal Dekan der Medizinischen Fakultät, 5 Mal Dekan der Philosophischen Fakultät und 5 Mal Prorektor der Uni. Darüber hinaus war er der meistgelesene Medizin-Autor des 18. Jahrhunderts und der Leibarzt König Friedrichs I. Hoffmann hat sich schon im Alter von 11 Jahren mit Chemie und Pharmakologie beschäftigt. Mit 18 Jahren hat er dann an der Uni Jena studiert.
* 23.10.1825 (Pulsnitz), † 14.04.1910 (Halle)
Kühn gilt als einer der bedeutendsten Reformatoren der Landwirtschaftslehre und als der wegweisende Gestalter des landwirtschaftlichen Universitätsstudiums in Deutschland. Unter seiner Federführung wurde in Halle das Landwirtschaftsstudium erstmals an einer deutschen Universität etabliert. Der Agrarwissenschaftler wurde in Sachsen geboren und machte zunächst eine Ausbildung am Polytechnikum in Dresden. Danach ging er in die landwirtschaftliche Praxis und erwarb sich als Lehrling, Gehilfe und Gutsverwalter umfassende landwirtschaftliche Kenntnisse. Er studierte in Bonn, Leipzig und Proskau. Im Jahr 1862 wurde er Professor für Landwirtschaft in Halle. Hier lehrte und forschte er fast fünf Jahrzehnte bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1909. In Halle entstand ein im 19. Jh. weltweit einmaliges landwirtschaftliches Forschungszentrum.
* 21.11.1768 (Breslau), † 12.02.1834 (Berlin)
Im Deutschunterricht versuchst du, dich in das Denken des Autors hineinzuversetzen, um den möglichen Sinn des Kunstwerkes aufzudecken. Dass Texte nicht unbedingt Wahrheitsvermittler sind, sondern auch als ein Ausdruck der Psyche, des Lebens und der Epoche des Verfassers begriffen werden, verdanken wir Schleiermacher. Er war als erster Theoretiker bestrebt, eine allgemeine Hermeneutik zu entwickeln. Er definierte sie als „die Kunst, die Rede eines anderen, vornehmlich die schriftliche, richtig zu verstehen“.
Schleiermacher war außerdem der bedeutendste evangelische Theologe des 19. Jahrhunderts und ein wichtiger Vertreter des deutschen Idealismus. Er sorgte vor allem mit seiner Deutung der Religion für Aufsehen. Für ihn war Religion nicht Denken und Handeln, sondern Anschauung und Gefühl. Er bezeichnete die Religion als Gefühl der Abhängigkeit.
Schleiermacher studierte von 1804 bis 1807 in Halle Theologie. Sein Examen machte er in Berlin. Im Jahr 1804 kehrte er nach Halle zurück, wurde zunächst Universitätsprofessor für Theologie und Philosophie und später Universitätspfarrer. Später wurde er an der Berliner Uni erster Dekan der Theologischen Fakultät. Sein Einfluss als Theologe und Philosoph hält bis heute an.
*01.06.1936 in Meißen
Vielleicht hast du Peter Sodann schon mal bei der Krimi-Serie „Tatort“ gesehen. Dort spielt er seit 1991 den Kommissar Bruno Ehrlicher. Doch für die Hallenser hat Sodann eine ganz andere Bedeutung: Er prägt das kulturelle Leben der Saalestadt bis heute. Im Jahr 1981 baute er einen alten Kinosaal zu einem Schauspielhaus um und erweiterte es im Laufe der Jahre zu einer Kulturinsel mitten im Herzen der Stadt. Heute gehören zu dem Komplex ein Theater mit mehreren Spielstätten, eine Galerie, eine Bibliothek, ein Literatur-Café und eine Theaterkneipe.
Sodann wurde 1936 in Meißen geboren und absolvierte zunächst eine Lehre als Werkzeugmacher. Nach dem Abitur an der Arbeiter- und Bauernfakultät begann er in Leipzig ein Jurastudium, wechselte 1959 jedoch an die Leipziger Theaterhochschule. Nach dem Studium arbeitete er beim Berliner Ensemble, an den Städtischen Bühnen Erfurt, am städtischen Theater Chemnitz und an den Bühnen Magdeburgs. 1980 kam Sodann nach Halle. Zunächst war er Schauspieldirektor am damaligen Landestheater und später bis 2005 Intendant des neuen theaters.
* 01.01.1655 (Leipzig), † 23.09.1728 (Halle)
Wie du im Ethikunterricht gelernt hast, ist der Kategorische Imperativ von Immanuel Kant bis heute gültig. Die Grundlage dazu legte Christians Thomasius Lehre vom Naturrecht. Er wollte damit keine allgemeine Gesetzgebung schaffen, sondern Regeln zu einem anständigen Verhalten aufstellen.
Thomasius war Philosoph und Jurist. Er gilt durch die Herausgabe der Zeitschrift „Monats-Gespräche“ als Vater des Journalismus. Außerdem war er einer der bekanntesten und einflussreichsten Juristen seiner Zeit. Seine Schriften haben die Entwicklung des Rechts maßgeblich beeinflusst und einen wichtigen Schritt zur Abschaffung von Inquisition, Folter und Hexenverfolgung geleistet.
Thomasius studierte in Leipzig und Frankfurt an der Oder. Nachdem seine Heimatuniversität aufgrund seiner Schriften ein Lehr- und Publikationsverbot gegen ihn verhängte, führte ihn sein Weg 1690 nach Halle. Hier rief er durch seine Vorlesungen die Juristische Fakultät ins Leben, wodurch er maßgeblich an der Gründung der Uni beteiligt war. Er schaffte Latein als Unterrichtssprache ab und plädierte für die jeweilige Landessprache. Unter seinem Einfluss ist Halle die seinerzeit modernste Universität des Reiches geworden.