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Die Studenten der Uni und der Kunsthochschule prägen die Stadt sehr. Und viele engagieren sich für ihren Studienort. Durch das Projekt "Wächterhäuser" sollen alte Häuser vor dem Verfall gerettet werden. Der Verein "Haushalten Halle e.V." vermittelt den Eigentümern Nutzer, die für eine begrenzte Zeit als “Hauswächter” einziehen. Wir haben mit dem Vereinsvorstand Stefan Schirrmeister gesprochen und möchten euch die Idee der Wächterhäuser genauer vorstellen.
Welches Ziel verfolgt ihr mit dem Projekt?
Wenn Häuser leerstehen, werden sie recht schnell baufällig. Allein wenn das Dach kaputt ist, läuft das Wasser hinein, danach kommt der Hausschwamm und die Decken stürzen ein. Und dann geht es ganz schnell, dass ein Haus, das eigentlich noch in einem guten Zustand war, abgerissen werden muss oder nur noch durch großen Aufwand saniert werden kann. Hier setzt unser Projekt an. Wenn Leute das Haus nutzen, dann kann es mit geringem Aufwand erhalten werden. Wir versuchen, die Häuser wiederzubeleben, indem wir sie vermitteln, meist an Künstler. Wir möchten die Häuser solange erhalten, bis sich eine andere Nutzung findet.
Was haben die Künstler für Verpflichtungen?
Im Prinzip müssen sie sich nur um ihre eigenen Räume kümmern. Sie zahlen keine Miete, sondern tragen nur die Betriebskosten. Meist ist es aber so, dass sie zusammen für die Verschönerung des Hauses sorgen.
Welche Projekte werden in den Wächterhäusern realisiert?
In unserem ersten Haus gibt es sechs Wohnungen bzw. Nutzungseinheiten. Und in jeder sind ein bis zwei Künstler mit ihren Werkstätten und Ateliers aktiv. Im Erdgeschoss gibt es eine Galerie. In unserem neuen Wächterhaus gibt es neben den Werkstätten und einer Galerie auch eine Bar, und bald zieht ein Yoga-Studio ein. Man kann also sagen, dass wir uns auf Kunst und Kultur beschränken.
An welchem Haus arbeitet ihr im Moment?
Zurzeit richten wir ein altes Gasthaus in Halle her, die „Goldene Rose“. Das ist kein typisches Wächterhaus, eher ein Sonderfall. Eigentlich machen wir an den Häusern nur das wirklich Notwendige, um sie zu erhalten. Aber die Goldene Rose kennt in Halle jeder und darum haben wir uns mehr engagiert. Gerade die älteren Hallenser verbinden mit dem Haus viele Geschichten, daher wollten wir es einer größeren Öffentlichkeit wieder zugänglich machen. Im Erdgeschoss gibt es eine Bar sowie eine Galerie und in den oberen Etagen wurden Werkstätten und Ateliers eingerichtet. Die Kombination aus Bar und Galerie ergänzt sich meiner Meinung nach sehr gut. Wir möchten auch ein wenig Wohnzimmer-Ersatz für die Studenten sein, die in ihrer WG kein eigenes Wohnzimmer haben. Das versuchen wir durch Fernsehabende und Live-Musik zu unterstützen. Die Heinrich-Böll-Stiftung veranstaltet hier zum Beispiel noch bis Januar alle 14 Tage eine Vortragsreihe „Die Utopische Gesellschaft“. Mir liegt am Herzen, dass in der Rose wieder richtig viel los ist. Und im Moment scheint es so, dass uns das auch gelingt.
Wer übernimmt die Kosten, wenn Arbeiten am Haus anfallen?
Arbeiten an der Gebäudehülle – Dach, Fenster, Fassade – sind Sache des Eigentümers. Wenn Arbeiten im Haus anfallen, wie an den Wasserleitungen oder an der Heizung, dann müssen wir uns selbst darum kümmern. Aber unsere Mieter haben natürlich kein großes Portemonnaie. Daher versuchen wir, die Kosten so gering wie möglichen zu halten. Wir haben zum Beispiel eine Heizungsfirma, bei der wir nur die Materialkosten zahlen müssen.
Seit wann gibt es das Projekt und woher stammt die Idee?
Die ursprüngliche Idee stammt aus Leipzig. Ein damaliger Student, der im Stadtplanungsamt Halle ein Praktikum absolviert hat, brachte die Idee dann nach Halle. Wir haben uns im November 2006 gegründet. Ein paar Monate später konnten wir schon an unserem ersten Haus arbeiten und es im Juni 2007 als Wächterhaus eröffnen. Das Projekt gibt es auch in anderen Städten, zum Beispiel in Chemnitz, Görlitz, Dresden und in Erfurt. Die Idee greift so langsam um sich.
Sucht ihr euch auch Sponsoren?
Die Hausanschlüsse in unserem zweiten Wächterhaus hätten zum Beispiel 5000 Euro gekostet. Dafür haben wir uns die Stadtwerke als Sponsor geholt. Aber solche Sachen wie Einrichtung, Tapeten und Farbe zahlen wir aus eigener Tasche.
Wie findet ihr die Künstler?
Die Künstler finden uns. Wir haben schon so viele Anfragen, dass wir damit ohne weiteres zwei oder drei weitere Häuser füllen könnten. Wir sind auch schon dabei, uns um neue Projekte zu kümmern.
Welche Häuser werden von euch genutzt?
Eigentlich suchen wir uns die Häuser aus, die für uns geeignet sind. Aber ich habe auch schon einige Anfragen erhalten. Zwei Projekte konnten wir dadurch schon realisieren. Eine Likörfabrik aus den 20er Jahren in Könnern stand seit Jahren leer, wurde aber von der Besitzerin instandgehalten. Sie wurde auf uns durch einen Zeitungsartikel aufmerksam. Das gesamt Haus ist noch so wie vor 100 Jahren. Aber leider liegt Könnern außerhalb von Halle und ist somit für Studenten der Kunsthochschule schwierig zu erreichen. Trotzdem haben wir jemanden gefunden, der dort mit Kind und Kegel eingezogen ist und nun dort seine Galerie hat. In dem Fall haben wir aber keine Funktion als Hauswächter, sondern sind nur als Vermittler tätig gewesen.
Wie lange könnt ihr die Häuser nutzen?
Zunächst vereinbaren wir eine Nutzungsdauer von fünf Jahren. Danach muss man sehen, ob man den Vertrag verlängern kann. Bei unserem ersten Wächterhaus läuft der Vertrag bald aus, aber die Künstler würden es gerne weiternutzen. Da müssen wir bald mit dem Eigentümer verhandeln. Vielleicht kaufen die Künstler das Gebäude auch. Bei unserem neuen Haus hat der Eigentümer schon signalisiert, dass er sich vorstellen könnte, den Vertrag länger als fünf Jahre laufen zu lassen.