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Interview mit Prof. Dr. Udo Sträter, Rektor der Martin-Luther-Universität
Die Entscheidung für ein Studium ist nicht ganz leicht. Allein an der MLU hat man die Auswahl zwischen 250 Studiengängen. Was Medizin und Jura ist, weiß jeder, aber von einigen anderen haben viele Schüler noch nie gehört. Was also soll man studieren? Soll man überhaupt studieren – gleich nach dem Abitur oder vielleicht erst später? Und wenn ja, wo? In der Nähe von zu Hause oder weit weg? Und dann muss man sich ja auch noch zwischen Universität und Fachhochschule entscheiden. Was tun? Wir haben jemanden gefragt, der es wissen könnte, denn er hat all diese Entscheidungen bereits hinter sich – den Rektor der MLU, Prof. Dr. Udo Sträter.
Herr Professor Sträter, wo haben Sie studiert?
An der Universität in Bochum.
War es für Sie selbstverständlich, dass Sie studieren würden?
Ich bin der erste in meiner Familie gewesen, der studiert hat. Deshalb wollte ich die Chance nutzen, die sich mir durch das Abitur bot, und auf die Universität gehen.
Was haben Sie studiert?
Germanistik, Geschichte und Theologie – das waren die Fächer, die mich schon während der Schulzeit am meisten interessiert haben. Die Wahl lag für mich also nahe.
Und was wollten Sie später einmal damit machen?
Ich wollte Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte werden.
Daraus ist offensichtlich nichts geworden.
Ja, das stimmt. Ich habe während des Studiums die Freude an der wissenschaftlichen Arbeit entdeckt. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Pietismus hat mich damals sehr fasziniert, und diese Begeisterung hat sich als dauerhaft erwiesen. Deshalb bin ich schließlich auch 1992 hier in Halle Professor für Kirchengeschichte und nicht Lehrer geworden.
Seit kurzem sind Sie Rektor der MLU. Wodurch unterscheidet sich dieses Amt von dem eines Schuldirektors?
Es gibt einige Aspekte, in denen sich beide Tätigkeiten kaum unterscheiden: Direktoren und Rektoren sind Repräsentanten ihrer Einrichtung, nach innen wie nach außen. Und sie sind Dienstvorgesetzte der Lehrer beziehungsweise Professoren. Der Rektor einer Universität hat allerdings einen viel größeren Gestaltungsraum im jeweiligen politischen Umfeld.
Was heißt das genau?
Rektoren verhandeln zum Beispiel über die Höhe des Universitätshaushalts. Sie führen Gespräche darüber, welche Fächer angeboten werden und auf welche wissenschaftlichen Schwerpunkte sich die Hochschule konzentrieren sollte. All das gehört nicht zu den Aufgaben eines Schuldirektors.
Rektor zu sein, klingt wie eine anstrengende Vollzeitbeschäftigung. Wo bleibt da die Zeit für die Wissenschaft?
Da haben Sie recht, dieses Amt lässt einem fast keine Zeit für die wissenschaftliche Arbeit.
Warum wollten Sie trotzdem Rektor werden?
Es ist ja nicht so, dass ich schon lange zielstrebig darauf hingearbeitet hätte, Rektor zu werden. Ich habe mich aber in den 18 Jahren, in denen ich jetzt in Halle Professor bin, immer für Hochschulpolitik interessiert und versucht, in vielen Bereichen mitzugestalten und Dinge zu bewegen. Da die Kandidaten für die Rektorwahl von einer Kommission vorgeschlagen werden, kann man sich auch gar nicht direkt bewerben. Man wird gefragt.
Wie wollen Sie Ihren Gestaltungsspielraum nutzen? Haben Sie ein Ziel, eine Vision für die MLU?
Ja, habe ich. Ich möchte eine intensive Diskussion über das Profil dieser Universität führen. Ich möchte, dass man überall in Deutschland weiß, wofür die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg steht, was einen erwartet, wenn man hier studiert, lehrt oder forscht.
In vielen internationalen Studien wird immer wieder bemängelt, dass es in Deutschland zu wenige Studenten gibt. Sollten Abiturienten grundsätzlich studieren?
Das würde ich so generell nicht sagen. Wer sich nach dem Abitur ein Studium gar nicht vorstellen kann, der wird sicherlich andere, geeignetere Möglichkeiten für den Einstieg in den Beruf finden. Aber ich bin schon der Meinung, dass man die Chancen, die das Abitur eröffnet, auch möglichst gut nutzen sollte. Und ein Hochschulstudium bietet jedem, der es ernsthaft betreibt, sehr viele Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten.
Weil man als Hochschulabsolvent mehr verdient?
Ja sicher, Hochschulabsolventen verdienen häufig überdurchschnittlich gut. Aber das meine ich gar nicht in erster Linie. Viel wichtiger finde ich, dass man während eines Studiums sehr vielfältige Möglichkeiten hat, seine Interessen zu entdecken, etwas Sinnvolles aus seinen Anlagen zu machen und seine Talente zu entfalten.
Die meisten Abiturienten in Deutschland studieren nach wie vor heimatnah. Lohnt es sich, wegen eines Studiums in eine andere Stadt zu ziehen?
Das lohnt sich auf jeden Fall. Gerade als junger Mensch ist man doch neugierig auf die Welt. Und irgendwann zieht man ja sowieso von zu Hause aus. Da ist der Übergang von der Schule zum Studium ein hervorragender Zeitpunkt, gleich in eine andere Stadt zu ziehen und sich dort umzusehen.
Wie beurteilen Sie die neuen Abschlüsse? Man hört viel Kritik daran. Hat sich die Qualität des Studiums verschlechtert?
Nein, die Qualität der Lehre an deutschen Hochschulen hat sich durch die Einführung der Bachelor- und Masterabschlüsse nicht verschlechtert. Es ist allerdings richtig, dass die hohen Erwartungen, die insbesondere seitens der Politik an diese Reform geknüpft wurden, noch nicht überall erfüllt sind.
Woran liegt das?
Es dauert eben seine Zeit, bis so ein umfangreicher und anspruchsvoller Umbau eines Systems ganz abgeschlossen ist. Wir sind ja auch gerade erst dabei, Erfahrungen damit zu sammeln und zu sehen, wo noch weitere Verbesserungen nötig sind.
Haben die neuen Abschlüsse denn auch Vorteile?
Wenn alles so funktioniert, wie es ursprünglich gedacht war, werden Berufs- und Bildungskarrieren wesentlich flexibler. Der traditionelle Werdegang Schule – Studium – Beruf lässt sich dann viel individueller gestalten. Die Zugangsmöglichkeiten zu den Hochschulen werden vielfältiger. Es werden Wechsel zwischen beruflicher Tätigkeit und einem weiterführenden Masterstudium möglich. Das Modell vergrößert die individuellen Bildungschancen, weil es durchlässiger für Quereinsteiger ist und unkonventionelle Lebensentwürfe gestattet.
Apropos Lebensentwürfe – warum sind Sie eigentlich nach Halle gekommen?
Weil ich hier an der Universität die Chance hatte, ein internationales Zentrum zur Erforschung des Pietismus aufzubauen. Klar, dass ich da gar nicht hätte nein sagen können.
Ist Ihnen der Wechsel vom Ruhrgebiet nach Sachsen-Anhalt schwergefallen?
Überhaupt nicht. Ich war ja von meiner Schulzeit bis zur Habilitation – mit Ausnahme eines Forschungsaufenthalts in London – immer in Bochum. Da wurde es höchste Zeit, einmal woanders hinzugehen. Und Halle mochte ich vom ersten Augenblick an.
Letzte Frage: Was ist besser – Fachhochschule oder Universität?
Das ist natürlich eine schwierige Frage für den Rektor einer Universität. Beide Hochschularten haben ihre speziellen Funktionen und Aufgaben: Fachhochschulen sind üblicherweise stärker anwendungsorientiert und bereiten ihre Studenten auf bestimmte Berufe vor. Universitäten sind dagegen sehr stark in die Grundlagenforschung eingebunden und deshalb ist das Studium auch eher theorieorientiert. Wenn es nun um die Frage geht, wo man studieren sollte, muss man sich genau überlegen, ob man eher auf einen raschen Berufseinstieg Wert legt oder ob man sich möglicherweise intensiv mit den theoretischen Grundlagen des Faches beschäftigen möchte. In jedem Fall gilt: Man sollte sich informieren und sich darüber klar werden, wo die eigenen Interessen liegen, damit man dann auch die richtige Entscheidung trifft.